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Artenvielfalt: Streuobst schlägt Bio-Plantagenobstbau um Längen
In der bergigen Provinz Bozen in Italien sind die Täler gefüllt von modernen Obstplantagen. Dazwischen verstecken sich übrig gebliebene alte Streuobstwiesen. Eine wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2024 vergleicht die Biodiversität dieser beiden Landnutzungsformen. Dafür richteten die Forscherinnen und Forscher den Blick auf verschiedene Artengruppen.
Wie untersuchte das Forscherteam?
Ein Forscherteam von EURAC Research und weiteren italienischen Instituten wählte fünf ökologisch bewirtschaftete Apfelplantagen und fünf Streuobstwiesen aus, verteilt über die Provinz Bozen-Südtirol (Norditalien) hinweg. Mithilfe verschiedener wissenschaftlicher Methoden erfasste und untersuchte das Forscherteam sieben verschiedene Artengruppen: Gefäßpflanzen (=Pflanzen mit flüssigkeitsleitendem Gewebe, d.h. fast alle Pflanzen ausgenommen von Moosen), Wildbienen, Tagfalter, Heuschrecken, Spinnen, Vögel und Fledermäuse sowie die Diversität von Wirbellosen in vier verschiedenen Lebensräumen auf den Flächen: Boden, Bodenschicht, Krautschicht, Baumschicht. Alle genannten Arten gelten als wichtige Anzeiger für biologische Vielfalt. Die erfassten Daten wertete das Forscherteam statistisch aus.
Das Fazit: Streuobstwiesen sind Hotspot der Artenvielfalt
Das Ergebnis ist nicht verwunderlich, sondern unterstreicht das Bekannte: Streuobstwiesen weisen im Vergleich zu den Obstplantagen eine deutlich höhere Vielfalt an Arten auf. Die Artendiversität auf Streuobstwiesen war für sechs der sieben Artengruppen signifikant höher. Nur bei den Fledermäusen war der Unterschied nicht groß. Auch in drei der vier Lebensraumschichten fand das Forschungsteam auf den Streuobstwiesen deutlich mehr Arten an Wirbellosen. Die Bodenschichtbewohner wiesen bei den beiden Bewirtschaftungsmethoden ähnliche Anzahlen auf.
Was macht den Unterschied aus?
Plantagenobstbau und Streuobstwiesen unterscheiden sich in der Bewirtschaftung und in der Struktur. Die Bewirtschaftung der Streuobstwiesen zeichnet sich durch weniger intensiven Maschineneinsatz aus. Während die bewirtschaftenden Personen auf den Streuobstwiesen jährlich ein- bis dreimal, vorwiegend mit dem Balkenmäher mähten, entfernten die Obstbäuerinnen und Obstbauern den Unterwuchs drei bis viermal unter den Bäumen und zwischen den Baumreihen zwei bis fünfmal. Dies erfolgte meist mit dem Mulcher oder durch Bodenbearbeitung. Auch im Bio-Plantagenobstbau setzen die Obstbauern Bio-Pestizide ein. Auf den biologisch bewirtschafteten Versuchsflächen gab es bis zu fünf Einsätze von organischen Insektiziden oder Akariziden (Pestizide gegen Milben) und bis zu zwölf Fungizidbehandlungen. Im Bioanbau zugelassene Fungizide sind Kupfer, Schwefel und Kalziumchlorid. Auf den Streuobstwiesen erfolgte in der Regel kein Einsatz von Pestiziden.
Der häufige Einsatz schwerer Maschinen verdichtet den Boden und verringert die Vielfalt der Bodenlebewesen. Häufiges Mulchen, Mähen und Düngen reduzieren die Pflanzenvielfalt auf der Fläche. Das wiederum beeinflusst die Vielfalt der Insekten, die sich von den Pflanzen ernähren und die Vielfalt der Vögel, die die Insekten fressen.
Auch die Struktur der Anbausysteme hat einen Einfluss, wie hoch die Biodiversität ist. Auf den Plantagen sind Bäume von 2,5 bis 3,5 Metern Höhe zu finden, die in engem Abstand zueinander stehen. Auf den Streuobstwiesen befinden sich weniger und alte Bäume mit einer Höhe von fünf bis über zehn Metern. Totholzstrukturen und Baumhöhen der großen Bäume bilden zusätzliche Habitate für verschiedene Arten.
Was bedeuten die Ergebnisse für den Erhalt von Streuobst?
Streuobstwiesen sind wertvolle Refugien für die Biodiversität in Agrarlandschaften. Ihr Erhalt durch gezielte Schutzmaßnahmen und Förderungen ist daher dringend notwendig. Die Untersuchung von Streuobstwiesen ermöglicht es uns, biodiversitätsfreundlichere Bewirtschaftungsansätze in intensiv genutzten Agrarsystemen zu entwickeln.
Zum Weiterlesen und in die Tiefe gehen
Guariento et al. (2024): Meadow orchards as a good practice example for improving biodiversity in intensive apple orchards. Biological Conservation 299: 110815.
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