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Feuer und Flamme: Wie eine Streuobst-Pädagogin die Filterblase sprengt
Hochstamm Deutschland-Mitglied Beate Holderied lebt in Weil im Schönbuch in Baden-Württemberg. Im Streuobstparadies und mit eigenen Wiesen aufgewachsen, ist Sie seit jeher aktive Naturschützerin und -bewahrerin. Beruflich und privat zeigt Sie großes Engagement als:
- Vorsitzende des Vereins Streuobst-Pädagogen e.V.
- Obstbaumpflegerin und Fachwartin für Obst- und Gartenbau
- ehrenamtliche Streuobstbeauftragte des BUND Landesverbands Baden-Württemberg e.V.
- Naturschutzwartin im Landkreis Böblingen
Streuobst-Pädagogen e.V.: Wissen vermitteln, Kulturlandschaft bewahren
Gäbe es den Titel „Patronin der Streuobst-Pädagogik“, so hätte ihn Beate Holderied wohl redlich verdient. Im Jahr 2011 gründete Sie in Kooperation mit dem Landkreis Böblingen die Böblinger Streuobstschule. Dort sowie an anderen Schulungsorten und mit verschiedenen Bildungspartnern bildet sie die bekannten und deutschlandweit aktiven Streuobst-Pädagoginnen und Pädagogen aus – inzwischen sind es bereits mehr als 850. Nur wer den Abschluss nach Vorbild der Böblinger Streuobst-Schule erlangt, ist offiziell anerkannt. Seit 2019 ist die Streuobstschule anerkannter Träger von Bildungsmaßnahmen im ehrenamtlichen Bereich. Der 2012 gegründete Verein Streuobst-Pädagogen e.V. ist die wichtigste Austausch-Plattform. Die Pädagoginnen und Pädagogen präsentieren sich auf der Webseite mit ihren Angeboten und Kontaktdaten.
Dass sie mit diesem Angebot nicht nur den Nerv der klassischen „Stücklesbesitzer“ trifft, zeigt Beate Holderieds Absolventen-Spektrum: „Vom Studierenden zur Pensionierten, vom Hausmann zur Akademikerin kommen wirklich alle. Es kommen Menschen vom Obstbau, Biologen, Ingenieure, Landwirte, Steuerberater, alles. Es kommen aber auch Pädagogen und Lehrer, die Hintergrundwissen für ihre Klassen benötigen“.
Streuobst-Pädagoge - und jetzt? Ab ins Grüne Klassenzimmer!
Beate Holderied leitete und begeisterte ehemals die örtliche Kindergruppe des BUND und Grundschulklassen für die Streuobstwiesen im Landkreis Böblingen. Das Interesse von Kindern, Eltern und Lehrerschaft ist riesig und die Streuobstwiese nicht weit. So entstand das Projekt „Die Streuobstwiese – Unser Klassenzimmer im Grünen“. In den ersten Jahren von 2005 bis 2011 hat die Gemeinschaftsschule Weil im Schönbuch das Projekt alleine finanziert. Finanziell getragen wird das Projekt inzwischen von Kreisbehörden, Kreissparkassen sowie den Schulen selbst. Die ausgebildeten Streuobst-Pädagoginnen und Pädagogen unterrichten die speziell entwickelten Unterrichtsmodule an den Grundschulen über ein ganzes Jahr verteilt. Mittlerweile bieten neben dem Landkreis Böblingen auch 12 weitere Landkreise in Baden-Württemberg das Projekt in ihren Grundschulen an und fördern dies finanziell. Das „Grüne Klassenzimmer“ wurde bereits dreimal als UN-Dekade Projekt Biologische Vielfalt gewürdigt (2013, 2015, 2019).
Das Raffinierte am „Grünen Klassenzimmer“: Es spricht nicht nur die Menschen an, die sich ohnehin in Obstbau- oder Naturschutzvereinen engagieren oder Streuobstwiesen besitzen, sondern es wirkt über die Filterblase hinaus. Jedes Kind in Deutschland besucht die Grundschule. Diese Chance nutzt Holderied und sensibilisiert Grundschüler von klein an für Streuobstwiesen. „Diese Erfahrungen tragen sie in den Familien- und Freundeskreis.“, so Beate Holderied.
Schlüssel zur Begeisterung: „Ich muss mich in die Lebenswelt der Person begeben“
In der Arbeit mit Erwachsenen und Kindern sind die didaktische Kompetenzen und ansteckende Begeisterung der Schlüssel. Im Interview verrät uns Beate Holderied ihren Zugang zu ihren Schülerinnen und Schülern: „Ich begeistere die Leute immer dann, wenn ich so nah wie möglich an die Zielgruppe rankomme, ein Gefühl für ihre Interessensbereiche entwickle.“ Deshalb stellt Sie sich im Vorfeld die Fragen: „Was kennen diese Menschen? Was kommt bei ihnen im Alltag vor und was nicht? Woran knüpfe ich an?“ Sie ist sich sicher: „Ich muss mich in die Lebenswelt der Person begeben, die vor mir steht. Deshalb gehe ich das Thema mit Pensionierten auf eine andere Weise als mit Schülergruppen an. Und es sind hierbei ganz oft die kleinen Dinge, mit denen man die Menschen locken kann.“
Vor Kurzem begab sich Beate Holderied mit einer Schulklasse auf Spurensuche nach oberirdischen Mäusegängen auf einer Streuobstwiese. Was die Gruppe dort vorfand, waren verlassene Toilettenplätze in den Mäusegängen und zurückgebliebene Nahrungsvorräte, denn der Fuchs hatte das Nest geleert. „Das hat die Kinder gepackt! Den Raubzug des Fuchses kann man auf den ersten Blick nicht erkennen. Also habe ich den Kindern die Spuren und Anzeichen bewusst gemacht. Das hat ihnen die Augen geöffnet, sie neugierig gemacht und überrascht“, so Beate Holderied.
Begeisterung aus mehrdimensionaler Vielfalt schöpfen
Wir haben Beate Holderied gefragt, wie auch wir von Hochstamm Deutschland e.V. unsere Botschaften noch besser vermitteln. Ihr Ansatz: Die Vielfalt an Themen und Menschen in der Streuobstwelt. Es gibt verschiedenste Gruppen in der Streuobst-Community: Dazu zählen wir zum Beispiel die Menschen aus dem Natur-, Klima- und Umweltschutz, der Landwirtschaft, der Imkerei, der Saftherstellung, der künstlerischen Welt oder der Bildungs- und Kultureinrichtungen. Beate Holderied fasst die relevanten Themen der Streuobstwelt zusammen: menschliche Gesundheit & Erholung, Biodiversität & Sortenvielfalt, Obst als Rohstoff für verschiedenste Produkte & Genussfaktor. Sie ist sich sicher, dass Hochstamm Deutschland e.V. mit diesen Themen ein Bewusstsein in weiteren Kreisen als der Streuobst-Community schaffen kann. Für unerlässlich bewertet sie im Allgemeinen direkte Angebote, z.B. Wiesenführungen und Wanderungen sowie die Nutzung neuer Medien.
Hochstamm Deutschland e.V. bedankt sich bei Beate Holderied für ihr Engagement in Sachen Streuobst, die Vereinsmitgliedschaft und das informative Gespräch.
Foto: Jörg Holderied