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Künstlerische Spuren der Vielfalt des Apfels
Antje Majewski und Paweł Freisler zeigen in ihrer Ausstellung auf ganz unterschiedliche Weise die Vielfalt des Apfels. In Aquarellen, Gemälden, Fotografien und Filmen richten sie ihren Blick auf die auf die Vielfalt dieser Frucht. Seit 2014 reist die Ausstellung an unterschiedliche Orte. An jedem Ort pflanzen Beteiligte Apfelbäume. So lebt die Vielfalt an den Ausstellungsorten weiter.
- Die Künstlerin: Antje Majewski in Zusammenarbeit mit Paweł Freisler
- Die Kunst: Aquarelle, Gemälde, Fotografien, Filme
- Die Arbeit: Darstellung künstlerischer, wissenschaftlicher, kulturhistorischer und politischer Aspekte des Apfels, (Projekt siehe hier)


Streuobst-News (SN): Frau Majewski (M) Ihre Ausstellung, "Der Apfel. Eine Einführung (Immer und Immer wieder)", die sie zusammen mit Pawel Freisler entworfen haben, lässt sich schon seit längerer Zeit an unterschiedlichen Orten bewundern. Was gibt es dort zu entdecken?
Antje Majewski (M): Unser Projekt „Der Apfel. Eine Einführung. (Immer und immer wieder)“ zeigt Arbeiten von verschiedenen Kunstschaffenden: Gemälde von Antje Majewski zeigen alte Apfelsorten, getrocknete und geschnitzte Äpfel von Pawel Freisler und immer auch Arbeiten lokaler Künstlerschaffenden mit Bezug auf den Ort, an dem wir ausstellen. Dazu kommen Videos, zum Beispiel über die Herkunft des Apfels aus Kasachstan und viele andere Elemente, die sich bei jeder Ausstellung je nach Größe des Ausstellungsorts verändern.
SN: Dieses Projekt besteht jetzt schon seit 2014, das heißt seit über 10 Jahren. Was begeistert ihre Besucherinnen und Besucher daran?
M: Dieses Projekt spricht sowohl Kunstinteressierte wie auch Apfelliebhaberinnen und -liebhaber an. Es richtet sich an Erwachsene wie an Heranwachsende und Kinder und führt spielerisch und ästhetisch an ökologische Probleme heran. Es gibt immer etwas anzuschauen, aber auch die Möglichkeit, im Rahmen von Workshops oder dem Pflanzaktion selbst mitzuarbeiten.
SN: Sie legen den Schwerpunkt auf den Apfel. Ist Ihnen das Thema Streuobst bei Ihrer Arbeit auch über den Weg gelaufen?
M: Durch das Projekt habe ich erst wirklich verstanden, wie groß der Unterschied zwischen einer Apfelplantage mit angebunden Bäumchen und einer Streuobstwiese, auf der Bäume alt werden, ist. Daraus entstand der Wunsch, möglichst viele solcher Bäume zu pflanzen. Im Rahmen unserer Ausstellung arbeiten wir mit lokalen Pflanzschulen und Biobauern zusammen, und laden Baumpatinnen und -paten ein, in der Stadt Hochstammbäume alter Sorten zu pflanzen.
SN: Haben Sie ein gemeinsames Ziel als Kunstschaffende? Oder weichen die Gedanken voneinander ab und ergänzen sich einfach gut?
M: Wir tauschen uns von Beginn des Projekts an ausschließlich über E-Mails aus. Pawel Freisler hat als Konzeptkünstler für uns die Regel aufgestellt, dass wir uns nicht persönlich begegnen sollen. Das ermöglicht einen sehr freien Austausch, in dem wir uns gegenseitig überraschen und die Umsetzung unserer Ideen nie ganz vorhersehbar ist. Es bleibt immer spannend.
SN: Zu der Ausstellung gehört eine gemeinsame Baumpflanzaktion: Welcher Gedanke steht dahinter? Welche Sorten werden gepflanzt? Gibt es einen Pflegeplan, um die Bäume langfristig zu erhalten? Wie viele Bäume wurden während der Ausstellungszeit schon gepflanzt?
M: Aus der Beschäftigung mit der Situation von Apfelbäumen heraus erschien es dringlich, selbst zur Erhaltung von alten, lokalen und widerstandsfähigen Apfelsorten beizutragen. Wir haben sehr viele unterschiedliche Sorten gepflanzt, da jeder Standort andere Bedingungen mit sich bringt. Wir fragen zur Bestimmung der geeigneten Sorten immer die Fachleute vor Ort. Die Baumpatinnen und -paten belegten in einigen Fällen Kurse zu Baumschnitt, in anderen Fällen pflegt ein Gärtner. Leider können wir nicht in jedem Fall die langfristige Pflege garantieren, sondern müssen uns auf die Mitarbeit der Baumpatinnen und -paten verlassen. Insgesamt haben wir wahrscheinlich um die 600 Bäume gepflanzt.
SN: Aus welchen Bereichen kommen die Besucher ihrer Ausstellung hauptsächlich? Oder ist das Publikum so vielfältig wie die Apfelsorten?
M: Wir haben bei diesem Projekt ein sehr vielfältiges Publikum, da wir sowohl Kunstinteressierte wie auch Apfelliebhaberinnen und -liebhaber ansprechen. Natürlich wird unser Publikum immer vielfältiger als Apfelsorten sein, da ja jeder Mensch als Individuum im Prinzip eine eigene Sorte darstellt. Wir hoffen aber dazu beizutragen, dass es auch in Zukunft wenigstens hunderte, wenn nicht tausende von Apfelsorten gibt.
SN: Was ist die häufigste Reaktion oder der häufigste Kommentar der Ausstellungsbesucher?
M: Diese Frage fällt mir schwer zu beantworten, da es sehr unterschiedliche Aspekte im Projekt gibt. Am besten gefällt mir das Staunen über die Vielfalt von Äpfeln.
SN: Wie sieht die Zukunft des Projekts aus?
M: Das Projekt trägt ja schon im Titel, dass es immer und immer wieder stattfindet – wo immer uns jemand anfragt. Es ist grundsätzlich nie abgeschlossen und wird sich hoffentlich immer weiterentwickeln.
SN: Was hat bei ihnen das Interesse für die Vielfalt von Apfelsorten geweckt?
M: Pawel Freisler schickte mich ganz zu Beginn unserer Zusammenarbeit auf die Suche nach einer Botanikerin, die sich mit alten Apfelsorten beschäftigte. Für mich entstand daraus ein Dokumentarfilm, in dem ich die Gespräche mit vielen Menschen, die ich nach Äpfeln ausfragte, festhielt und so mit dem Publikum teilte. Ich habe sehr viel von Menschen aus der Forschung, dem Apfelanbau und der -züchtung und anderen Beteiligten gelernt.
SN: Wie lange beschäftigen sie sich jetzt intensiv mit dem Thema? Hat sie auch das Thema Streuobst begeistert?
M: Das Projekt begann 2014, die Beschäftigung mit dem Thema wurde sofort sehr intensiv. Für Streuobst habe ich mich allerdings schon mein Leben lang begeistert, da wir als Kinder in Süddeutschland immer unter den Bäumen das Streuobst auflasen.
SN: Wie kamen Sie auf die Idee Kunst mit und über Äpfel zu machen?
M: Auf diese Idee wäre ich tatsächlich selbst nicht gekommen – es war Pawel Freislers Idee und sogar seine Bedingung für eine gemeinsame Ausstellung, zu der ich ihn eingeladen hatte.
SN: Haben Sie eine Lieblingsapfelsorte?
M: Sehr oft werde ich nach meiner Lieblingsapfelsorte gefragt. Meine Antwort ist der Malus sieversii, der kasachische Wildapfel, der genetische Hauptursprung unserer Kulturäpfel. Auch zu seiner Erhaltung wollen wir mit unserem Projekt beitragen.


SN: Zum Schluss eine Schnell-Fragerunde:
- SN: Apfel essen oder Apfel ausstellen?
M: Hier gibt es kein entweder oder: Apfel essen und Apfel ausstellen!
- SN: Kunst oder Handwerk?
M: Wir sind beide Kunstschaffende, keine Handwerker. Die Gartenbaukunst beispielsweise ist auch eine Kunst…
- SN: Geschichten erzählen oder inszenieren?
M: Als Ausstellung inszenieren oder erzählen wir keine linearen Geschichten. Wir stellen einen Assoziationsraum her, in dem Informationen übermittelt werden, aber auch Schönheit und Sinnlichkeit Platz finden.
- SN: Große Installation oder kleines Kunstwerk?
M: Kleine, mittelgroße und große Kunstwerke finden in einer großen Installation zusammen.
- SN: Arbeit oder Leidenschaft?
M: Leidenschaftliche Arbeit, Arbeit aus Leidenschaft – das ist nicht trennbar.
- SN: Streuobst oder Plantagenobst?
M: Natürlich liebe ich Streuobst, weiß aber auch, dass wir nur aus Streuobstwiesen unseren Bedarf nicht decken. Deshalb freue ich mich auch über Biobauern, die möglichst ohne Pestizide in der Plantage auskommen.
SN: Vielen Dank, dass sie Ihre Gedanken über Äpfel mit uns teilen
Über die Kunstschaffenden
Antje Majewski
Antje Majewski (Jahrgang 1968) ist freie Künstlerin und Professorin für Freie Kunst und Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Die Komplexität sozial-ökologischer Beziehungen ist eine wichtige Grundlage ihrer Malerei, künstlerischen Forschung, kuratorischen und dokumentarischen Arbeit. Sie interessiert sich besondere dafür, ein Verständnis dafür zu wecken, dass Menschen mit ihrer Kultur und Technik Teil der Natur sind und diese um sich herum formen. Dafür sind sie verantwortlich.
Ihr künstlerischer Beitrag rund um den Apfel: Ölgemälde und Filme (zum Beispiel der Dokumentarfilm Wilde Äpfel). Ihre Verbindung zu Streuobst ist ein großes Interesse für Vielfalt an Formen, Farben, Geschmäckern – die erhalten bleiben muss.
Paweł Freisler
Pawel Freisler (Jahrgang 1942) arbeitete in den 60er und 70er Jahren als Konzeptkünstler. Konzeptkunst ist eine Richtung der modernen bildenden Kunst, in der das Konzept und die Idee für ein Kunstwerk im Vordergrund steht. Gewohnte Sichtweisen, Zusammenhänge und Begriffe werden hinterfragt. Die Kunst soll entmaterialisiert werden. Seine bekannteste „Idee“ ist „The Egg“, ein standardisiertes Hühnerei aus Stahl. Dieses Ei stellte er nicht aus, sondern vertraute es unterschiedlichen Personen, wie dem Schauspieler Wiesław Gołas an, die er außerdem beauftragte Geschichten und Mythen um das Ei zu erfinden und zu verbreiten. Der gebürtige Pole lebt seit den späten 70er Jahren in Schweden.
Sein Künstlerischer Beitrag rund um den Apfel: Die Idee eine Ausstellung über Äpfel zu machen, getrocknete, beschnitzte Äpfel und Fotografien.